Portrait mathias rüegg at Porgy & Bess 7. - 9.12. 2017

December 7, 2017

 

Im Vorfeld...

 

Bereits im September 2016 hatte ich mein Portrait in Christoph Hubers Porgy & Bess zu planen begonnen  und mich  um die Finanzierung zu kümmern. Ich konnte das Bundeskanzleramt Österreich, die Schweizer Stiftungen Pro Helvetia und die SUISA FONDATION  dafür gewinnen. Dann musste die Verfügbarkeit der mitwirkenden Musiker abgeklärt werden.Beim Satieset, einem VAO-Remake aus dem Jahre 1983, sollte ja möglichst die Originalbesetzung dabei sein, wobei mir z.B. John Sass bereits aus Zeitgründen abgesagt hatte.  Ebenso der rund-um-die-Uhr beschäftigte Thomas Gansch. Jedenfalls begann ich mit den drei neuen Arrangements Idylle, Gnossienne No.2 und Jack in The Box bereits im Januar diesen Jahres, um sie im Juli dann nochmals einer Revision zu unterziehen mit Gymnopédie No. 3 zu ergänzen.  Sowie das gesamte Notenmaterial herzurichten und fehlende Stimmen ich teilweise neu zu schreiben. Die Proben hatte ich bereits am 15. März fixiert. Weiters war es für mich wichtig, das Klaviertrio vom Oliver Schnyder zu „bekommen“, was mir auch gelang. Ich hatte sie zusätzlich mit einem extra für sie geschriebenen Rag Time sowie einer Duo-Version von Smile für Oli und Lia „geködert.“

Ebenfalls nicht so einfach war es, für den zweiten Abend Wolfgang Puschnig und Wolfram Berger zu bekommen und entsprechende Probetermine auszumachen, um Naima unsere Musik übermitteln zu können, damit sie bereits im Vorfeld an den Choreographien arbeiten konnte. Dann kam mir im September die Idee mit den Gesprächen in der Strengen Kammer, die zu diesem Zeitpunkt bereits besetzt war. Aber Renald Deppe war so freundlich und hatte diese drei Tage wieder  freigegeben. Und Konrad Paul Liessmann war ebenfalls frei.  Dann hatte ich jemanden für die Promotion gesucht und es stellte heraus, dass niemand Zeit hatte. Zum Glück hatte sich Wolfgang Lamprecht meiner erbarmt, ist kurzfristig eingesprungen und hat nebenbei gesagt, einen super Job gemacht. Und das ungewöhnliche Erscheinungsdatum unseres Schumann Song Book’s hatten wir so mit Harald Tautscher von Lotus abgesprochen. Die eigentlichen Proben hatten dann am 30.Nov. mit einer Schumannprobe bei mir begonnen. Am 1. Dez. folgte die Probe mit Puschnig, Berger, Naima & Margaux, ebenfalls bei mir. Am 2.12. probte ich mit Oliver, Benjamin und Andreas in der wunderbaren Villa von Oli in Baden (Schweiz), wo Lia und ich am Abend im Duo ein Hauskonzert vor einer sehr erlesenen Zuhörerschaft geben durften. Am 3.Dez flog ich bereits um 08:00 nach Wien für die erste Satieprobe, noch ohne Flip Philipp und Lauren Newton. Am 5.12. dann My Poet’s Love wieder bei mir. Am 6. im Porgy die zweite Satieprobe auf der Bühne mit Ton und allem Drumherum. Und ab dann täglich jeweils zwei Proben/Soundcheck ab von 14:00 bis 18:00 Zuvor hatte ich noch die Ausstellung mit meinen Partituren in der Public Domain vorbereitet, auch nicht so einfach, wobei Lia mir mit Hammer und Nagel zur Seite stand. Weiters haben wir für jeden Abend 7 verschiedene BIlder der Musiker ausgewählt und sieben große Tafeln mit der Geschichte des VAO im Stiegenhaus angebracht. Der Teufel steckt ja bekanntlich immer im Detail. Und die drei wunderbaren, von Andy Orel gestalteten Abendprogramme brauchten auch seine Zeit. Wie alles, was man versucht, möglichst genau zu machen..:-)

 

 

DAY ONE

ein Bericht von mathias rüegg

 

Introduction:

Jazz never ends... it just continues (Sonny Rollins)
Ljubisa Tosic im Gespräch mit mathias rüegg

 

Das Gespräch am ersten Abend hatte sich etwas verlaufen, deswegen möchte ich hier nochmals meine Thesen erörtern. Der Jazz hat praktisch jede gesellschaftliche und intellektuelle Bedeutung verloren und ist somit außerhalb der Hochschuljazzszene (die grösser ist als je zuvor) praktisch inexistent. Und zwar ist das parallel mit dem Verschwinden derer – also den ganz Großen (von denen man die meisten auf dem berühmten Art Kane Foto findet) , die den Jazz erfunden haben, passiert. Da aber die Jazzmusik nur durch die Aufnahmen und nicht durch die Noten wie in der Klassik lebt, bedeutet das, dass die Originalmusik live praktisch nicht mehr gehört werden kann. Die letzten noch lebenden großen aktiven Stilbildner sind auch schon relativ alt, nämlich Keith Jarrett und Chick Corea. Und das empfinde ich als Katastrophe. Nur konservierte Musik reicht nicht, man muss sie erleben können. Das wäre so, wie wenn man in der Klassik ausschließlich Konzerte hören würde, in denen über die Themen der großen Meister von bis Ravel improvisiert, aber die das Original gespielt würde. Damit wäre die klassische Musik praktisch über Nacht weg vom Fenster. Weil eben in der Klassik wie auch im Jazz nur wenige berufen waren, große Werke zu schaffen. Und diese Giants im Jazz wie Ellington, Coltrane, Miles Davis oder Bill Evans waren nicht nur Improvisatoren, sie waren gleichzeitig Komponisten, weil sie das gesamte Vokabular des Jazz erfunden hatten. Und Jede Form von Kunst, sprich Musik muss immer auch im Original zu sehen, zu lesen und zu hören sein. Und darin liegt meiner Meinung nach das riesige ungelöste Dilemma des Jazz. Und was könnte, müsste man dagegen tun? Ich war vor einem Jahr in Bratislava zu einem Oldtime-Konzert eingeladen, bei dem Lisztvirtuose Ladislaw Fanzowitz am Klavier saß. Er hatte auf dem Notenpult ein zweihundertseitiges Buch mit Fats Waller -Transkriptionen, die er selber gemacht hatte, und er hatte zwei Stunden lang original Fats Waller gespielt. Was für eine Freude, was für ein Genuss!! Und plötzlich versteht man diese Kraft, Virtuosität und Genialität des frühen Jazz ohne den es keinen späteren geben würde!

Es MUSS in beiden Lagern beides geben. Jetzt ist der Stand ungefähr so: Klassik; 99% Vergangenes, 1% Heutiges und im Jazz ist es genau umgekehrt. Und ich würde gerne Bill Evans Alone original im Konzert hören können. Vielleicht gekoppelt mit Art Tatum Tunes, ebenfalls original in der ersten Hälfte. Anstelle von irgendwelchen gehypten ACT-Pianisten.

 

 

 

 

1st Set:

Vienna Art Orchestra – The Minimalism of Erik Satie
 

 Nach der Probe/Soundcheck von 16.00 bis 18.00 war ich mir ziemlich sicher, dass alles gut werden würde. Und so war es zum Glück dann auch : ). Ein sehr volles Haus erwartete uns, auch wenn der Applaus nach den ersten drei Stücken Véxations No 1 (die Bläser waren für das Publikum unsichtbar im Gang neben der Bühne aufgestellt) Aubade & Méditation (mit einer fantastischen Tubaintro von Tobi und einem unglaublichen Solo von Mario Rom, der Bumi Fian für einen Moment wieder auferstehen liess) dann doch erstaunlich verhalten war. Aber man muss sich schließlich sein Publikum immer erkämpfen! In Gnossienne No. 3 harmonierte Lauren unisono mit Harrys Sopransaxophon genau so wie vor 34 Jahren. Im neuen Arrangement von Idylle trumpften danach Sokal und Schwaller groß auf, letzterer danach auch noch in Gnossienne No.2. Das Publikum war endlich erobert! Flip spielte eine super Intro zu Gymnopédie No.2, leider zählte ich dann das für Robert Bachner gedachte Thema zu langsam ein. Nach Sévère Réprimande las Wolfgang Reisinger (als ehemaliger Sängerknabe) sehr gekonnt Saties Lebenslauf vor, ich selber gab zwischen jedem Stück ein kurzes Satiesches Bonmot zum Besten. In Gnossienne No.1 brillierten Puschnig & Reisinger an Altsaxophon und Tarabouka im orientalischen Sound - damals, also 1983, noch ungewohnt und neu. Leadtrompeter Aneel wie immer makellos! Nach Jack in The Box, einem Rag Time, der kontinuierlich, wie von magischer Hand langsamer wurde - etwas, das nur ganz wenige Jazzformationen beherrschen, gab es zum Schluss Véxations No 2. Ein Stück, das nach Satie’s Angaben 840 mal wiederholt werden muss und somit ca. 24 Stunden dauert. Was John Cage in den 60er-Jahren als erster wörtlich genommen hatte. Wir allerdings nicht! Die Zugabe danach begann mit einem freien Solo der drei Saxophonisten, so wie es in den 80er-Jahren gang und gäbe war, also „Geigung total“. Das erste Set hatte exakt 60 Minuten gedauert! Viel Applaus (V.A.).

 

 

 

 

 

 

2nd Set:

Lia Pale - A Winter’s Journey

 

Um genau 22:00 konnten wir nach einem größeren Umbau mit dem zweiten Set beginnen. Ich war noch ganz woanders und brauchte etwas Zeit um mich zurecht zu finden. Deshalb hatte es mich gleich im ersten Stück, der Guten Nacht, kurz verblasen.

Aber ab dann war es für mich Vergnügen pur. Es war erst unser zweites Konzert mit dem großartigen holländischen Klarinettisten Joris Roelofs, der ja auch von 2005 bis zum Ende im Vienna Art Orchestra gespielt hatte. Wir hatten ohne Zugabe dreizehn Titel gespielt, darunter Einsamkeit, Wetterfahne, Nebensonnen, Rast, Greiser Kopf, Lindenbaum, & den Leiermann. Julia hatte ihr Publikum wie immer sofort auf ihrer Seite und glänzte auch an der Flöte. Ingrid und Hans sind immer ein Vergnügen und Joris lieferte ein paar heftige Soli ab. Bei der Zugabe Mut stieß dann Mario noch zu uns und lieferte einmal mehr den Beweis, was so alles an Unglaublichkeiten in ihm steckt. Der Abend endete mit Julias Soloversion von Smile, komponiert von ihrem Lieblingskünstler Charlie Chaplin. Das zweite Set hatte ebenfalls genau 60 Minuten gedauert. V.A. Nach dem Konzert entdeckte ich erst, wer alles da war! Beginnen wir mit den ausländischen Gästen: Robert Fischer und Sven Thielmann, zwei Jazzexperten aus München und Essen. Dann Hansjörg Felber aus Altdorf (CH), der mich 1999 als Leiter seines frisch gegründeten Festivals Alpentöne geholt hatte sowie Teilzeitmäzen Roli Wismer aus Zug (CH) , sowie mein Schweizer Freund HHC Stoller aus frühen Tagen, der durch sein unkonventionelles Booking Anfang der 80er - Jahre viel zum internationalen Aufstieg des VAO beigetragen hatte. Alle Genannten mit 3-Tagespässen ausgestattet. Flötist Philipp Bachofner aus Rapperswil (Schweiz), der im Schloss Rapperswil eine klassische Konzertreihe, in deren Rahmen wir am 11. März gastieren werden, programmiert, war ebenfalls zwei Abende hier. Am Samstag kam dann auch noch meine langjährige Übersetzerin Karin Kaminker aus Frankreich, nahe Genf. Opernsängerin Marlis Peterson, die am 19.1. im Theater a d Wien in Donizettis Maria Stuarda zu hören sein wird, war von Lia hingerissen, ebenso meine Lektorin Anja Weiberg und bildende Künstlerin Aurelia Roher, die sich für die wunderbaren Zeichnungen unserer letzten beiden Alben verantwortlich zeichnet.

 

 

 

 

 

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